aus „gift“
zeitschrift für freies
theater
april- juni 09
Hrsg. IG freie Theaterarbeit, Wien
Wir wollen nicht zum
Hausmeister werden
Ali M.
Abdullah und Harald Posch im Gespräch mit Angela Heide über ihre Pläne für eine
Neupositionierung des Theaters am Petersplatz ab Herbst 2009
Angela Heide: Ab Herbst werden Sie
vorerst zwei Jahre lang gemeinsam mit dem Gründer und bisherigen Leitungsteam
des Ensemble Theaters – im Anschluss daran in Alleinführung – das Haus am
Petersplatz 1 leiten. Wie kam es zu dieser Entscheidung und wie sehen Ihre
künstlerischen und organisatorischen Pläne für die kommenden vier Jahre aus?
Ali M. Abdullah: Eingereicht haben
wir ja eigentlich ein Konzept, das sich auf kein bestimmtes Haus in Wien
bezogen hat. Wir wollten eine eigene Spielstätte, da wir die Wanderjahre als
sehr beschwerlich empfunden haben, immer mehr produziert haben und realisieren
mussten, dass die operativen Kosten für nachhaltiges Produzieren ohne Haus das
Budget für die künstlerische Arbeit stark beeinträchtigen. Aus dieser Tatsache
heraus ergab sich fast logischerweise der Wunsch nach einer eigenen
Spielstätte, in der diese operativen Kosten nachhaltig gebündelt und
koordiniert werden können und dadurch wieder eine Erhöhung des künstlerischen
Budgets ermöglicht wird. Da die gegenwärtig bespielten Häuser ja nicht
„ausgeschrieben“ waren und wir es auch als sehr unangenehm empfunden haben, uns
explizit für ein Haus zu bewerben, in dem KollegInnen arbeiten, haben wir uns
entschlossen, uns für ein „Theater x“ zu bewerben und dafür ein inhaltliches
Konzept vorzulegen.
Harald Posch: Ich möchte zu den
Produktionsbedingungen unserer Gruppe auch noch festhalten, dass wir mit über
sieben Premieren im Jahr – und das oft binnen weniger Wochen – die größte und
in den letzten Jahren auch höchstdotierte freie Gruppe in der Stadt Wien waren.
D. h. wir haben schlichtweg mit dem Umfang unserer Produktionen die Häuser, mit
denen wir kooperierten, „gesprengt“. So hatte etwa das Leitungsteam des brut
Wien Interesse, unsere Arbeiten an diesem Theater zu zeigen, die Verhandlungen
machten jedoch deutlich, dass man damit das brut für 3 Monate hätte sperren
müssen, um Produktionen in der Dimension, wie wir sie umsetzen, dort überhaupt
realisieren zu können. Allein dieses Beispiel zeigt, wie groß Drama X bereits
geworden ist, aber auch, wie problematisch es ist, bei jeder Produktion oder
bei jeder Reihe immer wieder von Null zu beginnen. Ob das nun das technische
Personal ist oder das künstlerische Ensemble: Wir mussten jedes Mal alles neu
aufbauen und konnten bislang keine langfristigen Kooperationen aufbauen.
Ali M. Abdullah: Zur Komplexität
des Koproduzierens mit Gruppen unserer Dimension vielleicht noch ein Beispiel:
Wir haben 2007 das Projekt New New West
realisiert, das an vier unterschiedlichen Theatern in Wien stattgefunden hat,
und was wir bei dieser Arbeit allein aus eigenen Mitteln an MitarbeiterInnen
und Infrastruktur in alle diese Theater mitbringen mussten, hat letztlich die
Dimension eines eigenen Hauses erreicht.
Harald Posch: Der Wunsch, ein Haus
zu führen, ist damit nicht nur ein künstlerischer, sondern zentral auch ein
struktureller, wobei wir hier am Petersplatz einer Reihe von Problemen, mit
denen wir in den letzten Jahren konfrontiert waren, mit einem neuen Modell des
Koproduzierens begegnen wollen.
Angela Heide: Können Sie Ihr
Koproduktionsmodell näher beschreiben?
Ali M. Abdullah: Das Modell sieht
konkret so aus, dass wir zurzeit bundesweit mit einer Reihe von Gruppen
Gespräche führen, um unterschiedliche Konzeptreihen gemeinsam zu erarbeiten.
Ausgehend von diesen künstlerischen Arbeitsschwerpunkten erhalten dann die hier
bei uns im Haus koproduzierenden PartnerInnen für jede Produktion einen von
vorn herein fix verhandelten Betrag sowie daneben natürlich die volle
infrastrukturelle, organisatorische und personelle Unterstützung, die ein
Koproduktionshaus im jeweils gegebenen Rahmen leisten kann und muss, so wie es
sich eben für ein Koproduktionshaus gehört (das wir de facto schon rein
budgetär jedoch nicht sind). Der Weg ist also einer, der über das gemeinsame
künstlerische Arbeiten zu einer sehr genau abgesteckten, auch in Zahlen
benennbaren Form der Zusammenarbeit führt. Das ist, soweit unsere Erfahrungen,
ein wesentlicher Schritt, um transparentes Koproduzieren für alle Seiten zu
ermöglichen und umzusetzen.
Das wesentlichste Problem, das wir
mit diesem Modell zurzeit haben, ist schlichtweg die Tatsache, dass es in
Österreich keine Förderung des künstlerischen Austauschs auf nationaler Ebene
gibt. D. h. wir können zwar, wenn alles gut geht, Gruppen aus den Bundesländern
nach Wien einladen, diese nach dem beschriebenen Modell cofinanzieren und
weitere neue künstlerische Impulse nach Wien bringen, nicht jedoch mit den
gemeinsam entwickelten Arbeiten in die Bundesländer reisen. Dafür gibt es
schlichtweg auf Bundesebene keine Förderung, was in unseren Augen hoch
problematisch für die Förderungen des nationalen Austausches ist.
International ist uns dies schon
gelungen, wenngleich auch hier ohne große finanzielle Unterstützung. Hier
erwarten wir uns durch die Vierjahreskonzeptförderung eine Verbesserung der
Planungssicherheit und hoffen auf gesonderte Unterstützung durch Stadt und
Bund. In Aufbau sind zurzeit auch eine Reihe von EU-Projekten, um auf
internationaler Ebene jene Förderung zeitgenössischer Theaterarbeit zu
erhalten, die es innerhalb der nationalen Kunst- und Kulturförderung im Moment
(noch) nicht gibt.
Angela Heide: Wenn Sie von noch
nicht umgesetzten Formen zeitgenössischen Koproduzierens für und in Wien
sprechen, stellt sich die Frage, wie Sie die derzeitige Situation sehen bzw.
die bereits als Koproduktionshäuser definierten anderen Spielstätten (in) der
Stadt einschätzen.
Harald Posch: Wir schätzen alle
anderen Häuser und deren Leitungsteams in dieser Stadt sehr, dennoch denke ich,
dass wir mit unserem Modell einen neuen und wesentlichen Impuls setzen werden
können – in künstlerischer wie organisatorischer Hinsicht. Entstehen soll eine
permanente Plattform zur Präsentation von innovativem zeitgenössischem
Sprechtheater nationalen und internationalen Zuschnitts, die konsequent jene
Strömungen vereint, die formal wie inhaltlich mit gängigen Aufführungsformaten
und -gewohnheiten bricht und zudem mit Dramatisierungen theaterfremder Stoffe
einen greifbar-authentischen Theaterbegriff präsentiert, der gleichermaßen
große Namen und neue Talente, bekannte KünstlerInnen und „Shootingstars“ der
Avantgarde-Szene bei sich vereint und durch beständige Innovation ein neues
Profil schafft. Das kleine Haus soll durchaus zur Herausforderung für die
Theaterlandschaft der Stadt werden, um tatsächlich einen Beitrag zu
öffentlichen Diskursen zu leisten. Relevante zeitgenössische
Theaterentwicklungen im eigenen Land sollen von diesem Potenzial profitieren
und mit begleitender Unterstützung einen Professionalisierungsschub bis hin zur
nachhaltigen Umsetzung der eigenen künstlerischen Ziele erfahren. Auf diesem
Weg kann das „Theater X am Petersplatz“ einerseits als Impulsgeber zwischen
etabliertem Repräsentationstheater und den oft auf einzelne Produktionen
reduzierten Off-Theatern fungieren, andererseits aber starkes eigenes Profil
zeigen, indem es mit zeitgemäßen, konsequenten Eigen- sowie späteren nationalen
und internationalen Koproduktionen nicht nur die wichtigsten und relevantesten
zeitgenössischen AutorInnen und RegisseurInnen vor Ort einbindet, sondern
verhältnismäßig unmittelbar auf gesellschaftspolitische Diskurse reagieren
kann.
Auch die Erweiterung der
herkömmlichen Theaterästhetik durch konsequentes Verwischen der Grenzen
zwischen den Sparten, vor allem durch die Einbindung wesentlicher Entwicklungen
der neuen Medien und Einflüssen der Gegenwartskunst, soll gezielt betrieben
werden und einer in Wien vernachlässigten Publikumsschicht mit den
Ausdrucksmitteln ihrer eigenen Kultur begegnen.
Angela Heide: Wie sieht die
räumliche Ausrichtung aus? War der Petersplatz von Anfang an in Ihrem Konzept
ein möglicher Ort? Welche anderen Orte in Wien hatten Sie im Kopf und wie sieht
die derzeitige Situation, knapp ein halbes Jahr vor der Eröffnung des Hauses
unter Ihrer Leitung aus?
Harald Posch: Wir hatten
ursprünglich ein Konzept für einen anderen Raum im Kopf, der von der Lage her
nicht so zentral ist wie das Theater am Petersplatz, der aber in unseren Augen
sehr spannend und herausfordernd wäre, und das ist das Theater des Augenblicks
im 18. Bezirk. Wir hatten auch Verhandlungen mit der Leiterin des Hauses und
würden es, auch angesichts der baulichen Vorgaben und Maßnahmen, die uns das
Theater am Petersplatz vorgibt, in den kommenden Jahren gerne als 2.
Spielstätte konzipieren. Diese Achse zwischen Innerer Stadt und Währing mit
Anbindung an die neue Szene in den Stadtbahnbögen wäre auch topografisch eine
neue und herausfordernde Aufgabe und würde historische Bewegungen innerhalb der
freien Szene dieser Stadt völlig neu be- und aufgreifen. Zu unserer
Zusammenarbeit mit dem Ensemble Theater am Petersplatz selbst ist zu sagen,
dass wir bereits vor mehreren Jahren ein Konzept für eine Koproduktion mit der
gegenwärtigen Intendanz bei der Stadt Wien vorgelegt haben, dieses jedoch
vorerst abgelehnt wurde. Erst im Zuge unserer nunmehrigen Konzepteinreichung
wurde unser altes Kooperationsmodell mit diesem Haus neu gelesen – dieses Mal
mit Erfolg.
Angela Heide: Wie wird die
Zusammenarbeit mit Dieter Haspel in den kommenden zwei Jahren konkret aussehen?
Ali M. Abdullah: Dieter Haspels
Bedingungen für eine Übergabe waren, dass er noch zwei weitere Jahre in der
künstlerischen Leitung bleibt und ab 2011 die gesamte Programmierung an uns abtritt,
jedoch noch eine Inszenierung in der Saison behält. Dies bedeutet, dass wir
zunächst einen zweiteiligen Spielplan programmieren, bei autonomen operativen
Budgets. Das führt natürlich zu zwei Problemen: zum einen einer in vielerlei
Hinsicht belastenden doppelten Leitung des Hauses, die auf künstlerischer Ebene
sehr unterschiedlich ist und natürlich auch das Budget doppelt belastet, und
zum anderen zu der für Drama X schwierigen Situation, dennoch von Anfang an ein
eigenes Profil aufzubauen.
Harald Posch: Also ist es zuerst
einmal wichtig, das konkrete Budget für die kommenden Jahre auszuverhandeln,
und dies nicht nur mit der Stadt Wien, mit der die Gespräche gut laufen und
sich die Situation langsam einpendelt, sondern vor allem auch mit dem Bund, der
seit dem Antritt der schwarz-blauen Regierung im Jahr 2000 keinerlei fixe
Förderungen für dieses Haus zur Verfügung gestellt hat und zurzeit nur einzelne
Projekte unterstützt. Das Modell, wie es uns in künstlerischer wie
organisatorischer Hinsicht vorschwebt, würde bei 1,2 Millionen Euro jährlich
liegen, zurzeit liegen wir jedoch weit unter einer Million. Ein wirklich großes
Problem ist in dieser Hinsicht auch, dass wir uns mit diesem Betrag nur ein
Haus leisten können, das von seiner Grundstruktur her funktioniert, d. h. auch
baulich einem Zustand entspricht, der Produzieren auf internationalem Niveau
überhaupt zulässt. Das ist, um es kurz zu machen, beim Theater am Petersplatz
nicht der Fall. Sowohl die Haustechnik, Lüftung und Heizung wie auch die Ton-
und Lichtanlage entsprechen in keinster Weise den zeitgenössischen
Anforderungen und sind, bis hin zur gesundheitlichen Gefährdung, völlig
überaltert; d. h. wir bräuchten, ähnlich wie der Nestroyhof, der diesen Betrag
auch zugesagt bekommen hat, mindestens 400.000 Euro, wenn nicht mehr, um das
Haus in einem ersten wesentlichen Schritt generalzusanieren und im Grunde erst
wieder spielfähig zu machen.
Ali M. Abdullah: Dieses Faktum
bestätigt u. a. auch der letzte Kontrollamtsbericht. Tatsächlich mussten aufgrund
des niedrigen Budgets in den letzten Jahren alle Gelder, die auch zum Erhalt
des Hauses selbst nötig gewesen wären, in die laufenden Personalkosten gesteckt
werden; würde man, in dem Zustand, in dem sich das Haus zurzeit befindet, also
im Herbst ohne vorherige Maßnahmen beginnen, würde uns alle zwei Wochen eine
größere Investition bevor stehen. D. h. wir müssten einmal im Monat zwei
SchauspielerInnen entlassen, um die Stromleitung neu zu legen oder kaputte
Geräte zu ersetzen. Und selbst wenn wir das tun würden, wären das dann nur
kleinteilige, mangelhafte Lösungen, die an der desolaten Gesamtsituation nichts
ändern würden. Daher wäre es – nicht zuletzt unter wesentlicher Beteiligung des
Bundes in Hinblick auf unser Konzept eines bundesweiten, ja international
agierenden Theaters − wesentlich, diese Investitionen vorab und in einem
sinnvollen kompakten Umbau- und Sanierungsvorhaben zu tun, was auch
langfristige Sicherheiten nicht nur für uns, sondern auch für folgende
Leitungsteams im Theater am Petersplatz bieten würde. Wir sind nicht bereit,
unser künstlerisches Budget für Teilsanierungen auszugeben, nicht zuletzt vor
dem Hintergrund der Entwicklungen, an deren Lösung etwa auch die IG Freie
Theaterarbeit im Rahmen von Prekäre Freiheiten arbeitet.
Harald Posch: Wir wollen und müssen
unser künstlerisches Personal anstellen, und es kann daher nicht angehen, statt
dessen eine neue Tonanlage zu kaufen. Wenn wir nur das Mindeste an Personal
anstellen, sind das an die 15 Personen − allein diese Zahl macht
deutlich, dass mit einem Betrag weit unter einer Million Euro nicht nur das
künstlerische Programm stark eingeschränkt wäre, sondern auch, dass
Sanierungsmaßnahmen schlichtweg unmöglich sind. Sonst sitzt man am Ende da und
kann zwar die Struktur bezahlen, aber nicht produzieren. Salopp formuliert: Wie
wollen nicht zum Hausmeister werden.
Angela Heide: Noch einmal zurück zu
Ihren Verhandlungen mit dem Bund. Was sind die Argumente gegen eine Förderung
Ihrer Arbeit. Gibt es dafür künstlerische Gründe, und inwieweit sind Sie mit
dem Bundesbeirat im Gespräch?
Ali M. Abdullah: Im Moment sind die
Argumente gegen uns, dass die neuen Mitglieder des aktuellen Beirats noch nie
etwas von uns gesehen haben.
Harald Posch: Eines der Argumente
war auch, dass wir keine fertigen Stücke vorlegen können, da wir diese ja erst
auf den Proben entwickeln. Also gerade das, wofür wir mit Drama X künstlerisch
bekannt und populär geworden sind, wird in den Augen des Bundes als
künstlerisches „Manko“ gewertet und in den Diskussionen immer wieder gefragt:
„Kann ich das Stück lesen?“ Das macht es für uns relativ schwer, in einen
wirklich weiterführenden Diskurs zu treten.
Ali M. Abdullah: Wir versuchen
dennoch weiterhin, Gespräche zu führen und den Bund für unser Arbeit zu
interessieren, ja, im Grunde, dieses Arbeiten in seinen Grundstrukturen erst zu
vermitteln. Das ist im Moment angesichts der künstlerisch intensiven
Planungsphase und der zusätzlichen Belastung durch den schlechten baulichen
Zustand des Hauses überaus schwierig.
Angela Heide: Wann werden Sie
angesichts dieser doch vehementen Belastungen, die Ihnen in den kommenden
Wochen noch bevorstehen, Ihre künstlerischen Pläne zum ersten Mal einer
breiteren Öffentlichkeit bekannt geben können?
Ali M. Abdullah: Im Moment ist die
Pressekonferenz für die Spielzeit 2009/2010 Ende Juni geplant. Es wird eine
Pressekonferenz sein, die nur uns betrifft, d. h. die Zusammenarbeit mit der
derzeitigen Leitung wird so aussehen, dass wir nicht gemischt programmieren,
sondern in zeitlich abgestimmten aufeinander folgenden künstlerischen
Leitungsphasen, was es für unser jeweiliges Publikum einfacher macht, zwischen
den künstlerischen Handschriften zu unterscheiden, und allen Seiten
höchstmögliche künstlerische Freiheit gewährleistet. De facto gibt es aber nur
eine Geschäftsführung für dieses Haus, die Posch-Abdullah heißt und die auch
die kaufmännische Leitung impliziert, und zwei zeitlich getrennte künstlerische
Leitungsphasen, Drama X und Ensemble Theater.
Angela Heide: Wird sich das auch
nach außen im Namen oder Corporate Design widerspiegeln? Historisch gesehen,
ist ja bereits der Begriff „Ensemble Theater am Petersplatz“ eine
Zusammensetzung aus dem Namen der damals schon bestehenden Theatergruppe und
dem des konkreten Ortes.
Harald Posch: Das stimmt, und wir
sind in dieser Frage zurzeit noch am Überlegen, was am meisten Sinn macht.
Ali M. Abdullah: Wir hatten zuerst
an eine Übergangszeit mit einem gemeinsamen Logo gedacht, also daran, eine
temporäre CI aufzubauen, von der aus man in zwei Jahren dann in der
Alleindirektion ausgehen kann. Die Stadt Wien hat jedoch bei den Verhandlungen
festgehalten, dass es auch dafür nicht die notwendigen finanziellen
Möglichkeiten gibt. Wir haben uns daher für einen Relaunch entschieden, der
gleich am Anfang umgesetzt wird und dann für die kommenden Jahre wirksam sein
soll − damit ermöglichen wir auf der anderen Seite Dieter Haspel, selbst
so frei wie möglich zu agieren und z. B. auch seine Website unabhängig von uns
weiterzuführen.
Harald Posch: Das sind genau die
Arbeiten, die uns noch bevorstehen. Natürlich ist es nicht unklug, den
Standort, der sich bereits etabliert hat, im Namen zu behalten; zugleich ist es
wichtig, die aufgebaute Identität von Drama X zu behalten.
Angela Heide: Können Sie uns schon
etwas über Ihr künstlerisches Programm für die kommende Spielzeit verraten?
Harald Posch: Dazu können wir zu
diesem Zeitpunkt noch nichts sagen, wir können nur verraten, dass wir eine
lange Liste an Projekten haben, die wir – je nach Budget – gerne alle umsetzen
wollen.
Ali M. Abdullah: Im Moment dürfen
wir ja noch gar nichts machen, geschweige denn Verträge unterzeichnen, da wir
selbst noch nicht offiziell die Geschäftsführung übernommen haben. D. h. es
wäre fahrlässig, heute schon von künstlerischen Programmen zu erzählen, die wir
unter Umständen dann nicht einhalten könnten.
Harald Posch: Was natürlich auch
problematisch sein könnte wäre, wenn der Einreichtermin für freie Gruppen im
Mai verschoben würde, da wir ja gerade mit diesen koproduzieren wollen. D. h.
es könnte aus rein förderpolitischen Gründen so sein, dass wir mit
internationalen Arbeiten beginnen und erst ab Jänner 2010 Wiener Gruppen hier
zu sehen sein werden. Was wir natürlich schon verraten können ist, dass wir
weiterhin so arbeiten wollen wie bisher, also mit ungewöhnlichen Materialen und
nicht mit fixen Textvorgaben, d. h. weiterhin keine Gegenwartsdramatik und
keine persönlichen „Befindlichkeitsstücke“ in den Fokus unserer Arbeit stellen
werden, sondern inhaltliche Linien vorgeben werden, anhand derer die geladenen
RegisseurInnen gemeinsam mit uns auf Texte hinarbeiten werden, um damit etwas
Originäres zu kreieren und so thematisch an der Zeit dranzubleiben; das war
immer schon unser Hauptanliegen, hat sich bisher auch sehr gut bewährt und soll
auch an diesem Haus – und im Idealfall im Verbund mit dem Theater des
Augenblicks in mehreren unterschiedlichen Räumen in der Stadt − umgesetzt
werden.
Ali M. Abdullah: Ein Begriff, der
uns hier seit einiger Zeit vorschwebt, ist der der „Factory“; d. h. einen Pool
von Themen, Menschen, Formaten zu bilden, der langfristig aufgebaut und dennoch
immer aktuell ist, eine Art Zentrum, in dem man sich über gewisse inhaltliche
Aspekte von vornherein schon verständigt hat und gemeinsam in unterschiedlichen
Konstellationen immer wieder neu an die jeweiligen Themen herangehen kann.
Angela Heide: Was für mich als
Theaterhistorikerin zum Abschluss unseres Gesprächs natürlich wesentlich ist:
Gibt es schon Pläne für das umfassende theaterhistorisch spannende Material
sowohl zum Ensemble Theater wie auch zum Theater am Petersplatz, das ich hier
in den Büroräumen sehe?
Harald Posch: Konkret sind wir da
im Moment in sehr erfreulichen Verhandlungen mit dem Österreichischen
Theatermuseum, das sich interessiert zeigt, das im Grunde über 35 Jahre
lückenlose Archiv des Ensemble Theaters zu übernehmen. Wir sind hier ganz Ihrer
Meinung, dass es wesentlich ist, diesen historischen Blick nicht zu verlieren.
Wir wollen das gewürdigt sehen.
Ali M. Abdullah: Es ist Dieter
Haspel bewusst, dass wir zu gewissen Themen andere Ansichten haben und dass
auch inhaltliches Streitpotenzial vorhanden ist. Es ist ihm aber auch klar,
dass es tatsächlich eine Übergabe ist, kein „Erbe“, an das wir uns binden
müssen. Dass wir es jedoch für essenziell halten, dass das historische Wissen
sowohl über das Ensemble Theater wie auch den Ort, an dem wir in den kommenden
Jahren wirken werden, nicht verloren geht, soll hier noch einmal am Ende
festgehalten werden.
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Termine
Pressekonferenz zur Spielzeit
2009/10 voraussichtlich Ende Juni 2009
Webtipps
drama-x.net
www.ensembletheater.at
DRAMA X wurde 2004
von Ali M. Abdullah und Harald Posch gegründet; in den letzten fünf Jahren
wurden drei Großprojekte mit insgesamt 28 Inszenierungen umgesetzt, darunter
2004 one
night stand − Stücke für eine Nacht, 2005 Vierundzwanzigstundenwerk/Arbeit&Glück, 2006 Die
Welt ist gut wie sie ist und zuletzt 2007 New New West; es
folgten Einladungen an das Thalia Theater Hamburg, die Sophiensaele Berlin,
nach München und Luxemburg.
Ali M. Abdullah (* 1965
Wien), Schauspiel- und Regiestudium an der Hochschule für Musik und
darstellende Kunst in Graz; 1992−1997 Regieassistent, Schauspieler und
Schauspieldozent in Wien (Theater im Konzerthaus, Aera), Graz (steirischer
Herbst, Schlosstheater Reinthal) sowie in Berlin (Ernst Busch), am Schauspiel
Bonn, am Bayerischen Staatsschauspiel München, am Schauspiel Frankfurt/M. und
im G-Werk ost Frankfurt/M., am FFT Düsseldorf sowie am Schlosstheater Celle;
Zusammenarbeit u. a. mit Karin Beier, Peter Eschberg, Manfred Karge, Hans
Neuenfels, Thomas Schulte-Michels; 1997−1999 freier Regisseur in
Frankfurt/M.; 2000/2001 künstlerischer Leiter der Probebühne und fester
Regisseur am Schauspielhaus Graz; weitere Arbeiten bei der Bonner Biennale, am
Theater Aachen und 2007 als künstlerischer Leiter eines Festivals für neue Dramatik
am Theater Trier; seit 2004 ist er gemeinsam mit Harald Posch Initiator und
Leiter von Drama X; Inszenierungen (Auswahl): Past Perfect
(Nicky
Silver), Kill
Mary
(UA nach Friedrich Schillers Maria Stuart), Marie.Woyzeck (Georg
Büchner), Kathastrophe,
Spiel, Atem, Kommen und Gehen und Akt ohne
Worte
(Samuel Beckett), Heilige Kühe (ÖEA, Oliver
Czeslik).
Harald Posch (* 1963
Graz) arbeitet seit 1983 als Schauspieler, Regisseur und Autor, u. a. am
Volkstheater Wien, Theater in der Josefstadt, Ensemble Theater, Theater in der
Drachengasse, Rabenhof, Theater im Zentrum, Landestheater Niederösterreich,
Schauspielhaus Graz, Stadttheater St.Gallen und Renaissancetheater Berlin,
sowie in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen; 1989 Gründung der Gruppe
Habsburg Recycling gemeinsam mit Thomas Gratzer; 1989−1995 Autor und
Regisseur der Kabarettprogramme von Dolores Schmidinger; 1997 Drehbuch und
Hauptrolle in Houchang Allahyaris Kinosatire Black
Flamingos;
seit 2004 künstlerische Leitung von Drama X gemeinsam mit Ali M. Abdullah;
Inszenierungen (Auswahl): Sein oder Nichtsein (Melchior
Lengyel), Gespenster (Wolfgang
Bauer), Trainspotting (nach
Irvine Welsh), Frühlingserwachen/Eskalation (nach
Frank Wedekind), Einordnen/Land der Toten/Ausflug (Neil La
Bute) sowie sechs eigene Stücke mit der Company Habsburg Recycling.
Angela Heide ist
promovierte Theater-, Film- und Medienwissenschaftlerin und Dramaturgin; über
50 Theaterproduktionen seit Anfang der 1990er-Jahre; 1999/2000 leitende
Dramaturgin in Frankfurt/M. und Salzburg; seit 2001 leitet sie das Wiener Büro
für Dramaturgie, Produktion und Kulturvermittlung artminutes
(www.artminutes.com); seit 2004 ein Projekt zur Wiener Theater- und
Kinotopografie (www.KinTheTop.at ); seit 2002 ist sie
Co-Leiterin von WOLKE 7; 2006/07 Co-Leitung des Filmfestivals im öffentlichen
Raum sidewalkCINEMA
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